"Klar, der Herr Löw - wie immer chic in Schale geworfen", sagt der Kollege eines Münchener TV-Senders. "Wenn er den nicht trägt, kriegt er wahrscheinlich ´ne Konventionalstrafe von seinem Mode-Ausstatter", unkt die Kollegin neben mir. "Der kriegt doch wohl schon genug von Daimler", konterte ein TV-Kollege aus München. Wir alle von der Medienseite hatten in den Tagen zuvor ja dank DFB-Pressemitteilung - erfahren, dass Jogi ein neues Luxusauto des DFB-Sponsors aus dem baden-württembergischen fährt.
Auf dem Weg in Richtung Bayern-Kabine wird "der einstmals brave Herr Löw" von mehreren VIPs aufgehalten, die aus der Umkleidekabine des Noch-Meisters stürmen und zum Aufwärmen auf den grünen Rasen wollen. Jogi kennt schließlich alle, die auf ihn zukommen - die Schweinis, Poldis, Miros und Borowskis des FC Bayern München. Und den Christian Nerlinger natürlich, und den Uli Hoeness, na klar.
Ein kurzes Abklatschen, ein paar freundliche Worte und dann stürmen die Spieler an Jogi vorbei. Wenn der weiter nach vorn an die Absperrung drängende "Lütte" neben mir geglaubt hatte, jetzt habe Jogi Zeit für ihn, dann irrt er sich gewaltig. Denn plötzlich betritt der Bayern-Messias die heiligen Hallen - was zum perfekten Auftritt im Glorienschein fehlt, sind lediglich die lauten Fanfaren. Ein lautes Hallo, eine freundliche Umarmung. Und dann drehen beide - nämlich der ehemalige und der aktuelle Bundestrainer - den Umstehenden plötzlich den Rücken zu und tuscheln.

Da steht er ja: Der Bayern-Bus.
"Da möchte ich Mäuschen spielen", sage ich laut, was die Dame von der die Pressezone bewachenden Safety-Company zu einem Nicken und zu einem "ooh ja, ich auch" veranlasst. Würden sie über Ballack, über Frings oder vielleicht auch noch mal über den mit dem top-modischen Bärtchen - den Kuranyi nämlich - reden. Oder diskutierten sie lediglich die zwei Gesichter des Lukas Podolski? "Habt ihr da ein Richtmikrofon drin", fragt der Kollege einer Wirtschaftszeitung die Münchener TV-Kollegen, die das geheimnisvolle enge Treffen von Jogi und seinem Ex-Chef mit der Kamera aufnehmen. "Nooaa, leider net", lautet die Antwort.
Jetzt stand ich hier in eine der heiligen Hallen des deutschen Profifußballs und setzte mich mit Dingen auseinander, die ich bisher nur von der Klotze kannte. Wau, wie spannend! Nun gut. Commerzbank Arena Frankfurt - das ist fußballerisch nicht gerade der Nabel der Welt. Aber immerhin - ich war mitten drin im Geschehen bei der Jagd um die Millionen.
Erwartungsvoll hatte ich bereits zwei Stunden vor Spielbeginn die Sicherheitskontrollen vor dem Stadion passiert - hatte lediglich meinen Presseausweis vorgezeigt und war von den Kontroll-Jungs sehr höflich behandelt worden. "Was", so mögen sie gedacht haben, "kann diese Frau schon von Fußball wissen?" Nun, sie konnten es nicht wissen. Mich interessierte als Quasi-Bayern-Fan (als Journalistin sollte man ja eigentlich neutral bleiben) neben dem Fußball auch eher das Drumherum. Und natürlich war ich auch gespannt darauf, wie die Jungs aus der Nähe aussehen.

Angestrahlt: Der Ort des Geschehens.
Und so hatte ich schon um 18:10 Uhr staunend mit offenem Mund vor der Arena gestanden. Solche Stadionbauten sind für jemand, der ein architektonisches, städtebauliches und landschaftsbauliches Faible hat, schon gigantisch. Beeindruckend in ihrer architektonischen Dimension. Es erschrickt aber auch, dass für Fußball allein ein solch gigantischer Aufwand betrieben wird.
Ach nein, mir fiel ja ein, dass die Arena auch den "anderen Helden und Heldinnen" zur Verfügung steht. Schließlich hatte Madonna vor kurzem hier eines ihrer Deutschland-Konzerte gegeben. Zum Unwillen der Sportler und ihrer Fans im Übrigen; denn der Rasen war anschließend für viele Tage nicht mehr bespielbar. All diese Stars werden von Fans mit bewundert - doch haben die das eigentlich verdient, frage ich mich.
Schon auf dem Weg zum Stadion begegnete mir so manch komische Gestalt - in Klamotten, die von oben bis unten den Fan-Geist verrieten. Entweder schwarz-weiß-rot wie die Eintracht aus Frankfurt oder aber von Kopf bis Fuß im roten Bayern-Look. Ob die Fans aus Bavaria nicht wussten, dass ihre Halbgötter heute unschuldig in weiß auflaufen würden? Vor den Mannschaftskabinen verstärkte sich die Fanhysterie - eine Gruppe Jugendlicher entdeckte den Bayern-Bus, der hier in Frankfurt im Südost-Tor bis zur Umkleidekabine vorfahren kann. Sie warfen einen kurzen Blick auf Ribery und Podolski, gerieten in Hysterie, fingen an zu kreischen und zu hüpfen. Ein Schmerz für meine empfindlichen Ohren.
Zugegeben - auch für mich als weiblicher Schreiberling war es ein tolles und aufregendes Gefühl. Ich erwischte mich dabei, dass mein Herzschlag Tempo aufnahm, als die so genannten Berühmtheiten der beiden Clubs an mir vorbeizogen. Herzschmerz pur also.
Als dann "Mister FC Bayern" Uli Hoeness aus der Umkleidekabine kam und sich mit dem adligen Kollegen Thurn und Taxis vom Bezahlsender Premiere unterhielt, dachte ich mir. "Hat der Uli unter den Spätfolgen einer Erkältung oder noch schlimmer einer Stimmbandentzündung zu leiden?" Denn sein "Krächzen" strapazierte meine Ohren. Bisher kannte ich seine Stimme nur aus Interviews der TV-Kollegen oder vom Band im Zusammenhang mit seiner berühmten Wut-Rede mit dem "Arsch-auf-reißen".
"Wie geht es denn heute aus, junge Frau", versuchte mir der Kollege einen Tipp zu entlocken. Na, ja - ich ging von einem Bayern-Sieg in Höhe von 4:2 aus. "Wer soll denn bei der Eintracht zwei Tore schießen", schüttelte ein mir ans Herz gewachsener befreundeter Kollege den Kopf. Dieser Eintracht-Supporter ("ich bin kein Fan, sondern erhoffe für die Stadt und das Umland Frankfurt Erfolge für die Eintracht") erwartete allerdings ein 3:0 für die Bayern. Nun ja, es hat für uns beide nicht wirklich gereicht, wie wir auf der kalten Tribüne dann erleben mussten. Die Eintracht stand kompakt in der Abwehr und somit hatten es die Bayern sehr schwer, im Spiel nach vorne die notwendigen Räume zu finden.
Und der neben mir auf der Pressetribüne sitzende Kollege schien mit seinem Hinweis auf die fehlende Torgefährlichkeit der stark ersatzgeschwächten Eintracht richtig zu liegen. Denn schließlich war es Martin de Michelis? Eigentor, das Eintracht-Fans auf eine Sensation hoffen ließ. Dieses Eigentor brachte, wie Tim Borowski später im Interviewe sagte, den Bayern aber nicht wirklich viel. Hääää, wie hatte der Ex-Bremer das gemeint?
Schließlich wurden sie durch dieses Tor wachgerüttelt - es brachte also doch etwas. Wenn man davon absieht, dass Eigentore eigentlich nie viel bringen -jedenfalls nicht für die Mannschaft, die betroffen ist. Die Tore von Klose und Ribery brachten schließlich den Erfolg für die Münchner.
Was nicht nur meine Ohren, sondern auch mein Fairness- und Gerechtigkeits-Bewusstsein arg strapazierte, waren die ständigen Pfiffe der Eintracht-Fans immer dann, wenn der Gegner den Ball führte. Und mit mir wird sich möglicherweise so mancher weibliche Fan gefragt haben, warum die Herren nur immer so laut sein müssen. Dabei waren sie in der Nordwestkurve in den ersten drei Minuten noch so vernünftig gewesen, als sie mit dem Plakat von dem "leeren Platz nebenan" in Stille einem auf tragische Weise ums Leben gekommenen Fan-Kameraden gedacht hatten.

Gleich geht es los: Die Presse wartet.
Zur anschließenden Pressekonferenz waren fast alle Kollegen erschienen. Und dies, obwohl sie wissen, dass die Statements der Trainer meist "für die Tonne" sind. Auch dieses Mal gab es nur drei Fragen. Friedhelm Funkel fand (in seiner sympathisch ruhigen Art) Lob für sein Team, das exakt die Vorgaben umgesetzt hatte. Und der Klinsi freute sich mehr über drei Punkte als über die spielerische Leistung. Positiv wertete er die Positionierung des Clubs im oberen Bereich der Tabelle. Zu seinen Worten gehört die ständige Zuversicht, die er auch heute in sein Statement einbaute. Ich sah es ein bisschen anders, wohl auch, weil meine Erwartungen höher waren.
Den Bayern geht jegliche Souveränität ab - aber sie gewinnen ihre Spiele wieder. Der Eintracht fehlt es an spielerischem Glanz - aber die Mannschaft beißt. Wer mich begeistert hat, war Ze Roberto. Ein Brasilianer, der nicht nur spielerisch genial ist, sondern darüber hinaus auch Eigenschaften zeigt, die den meisten Samba-Künstlern von der Copacabana in der Bundesliga abgehen. Laufbereitschaft, Kampf und Siegeswille.
Dieser Gedanke bringt mich zurück zu Uli Hoeness. Seine Verdienste um die Bayern sind unbestritten. Dass er aber Ze Roberto vor geraumer Zeit erst "vom Hof jagte" und ihn dann reumütig zurückholte, spricht nicht gerade für eine tadellose Manager-Leistung.
Und dann ging es auf den Weg zum Flughafen. "Was wohl hat der Jürgen nur zu dem Jogi gesagt", wiederholte ein Kollege auf dem Weg zum Ausgang fast verzweifelt immer wieder seine zuvor bereits gestellte Frage. Ich wusste es auch nicht - dachte aber laut vor mich hin. Vielleicht hatte der Klinsi als erfahrener Globetrotter und Fußball-Millionär dem Jogi ja gewarnt: "Jogi, auf den Ballack kannst Du nicht verzichten. Mensch, denk doch nach! Stell Dir vor, Du fliegst in Südafrika in der Vorrunde raus und hast den Ballack zu Hause gelassen - und vielleicht den Frings auch. Oder vielleicht kommst Du ohne die beiden ja gar nicht nach ans Kap. Dann verlierst Du nicht nur Deinen schönen Job, sondern auch Deine lukrativen Werbeverträge..."
Mit dem schönen braunen Schal, sie wissen schon. Und vielleicht hat Jogi dann auch keinen Dienstwagen mehr - mit dem Stern vorne drauf, sie verstehen doch, oder? Zum Schluss zeigt sich, dass Jogi doch ein Herz für die kleinen und großen Fans hat. Denn er beglückt den anfangs so fanatisch schreienden Knirps letztlich doch noch mit einem Autogramm. Strahlende Augen in der Commerz-bank-Arena sind das Resultat - und Jogi hat zumindest einen neuen Fan. Fazit: Trotz der Belastung für die Ohren durch das Gekreische der Fans und der angekratzten Stimme von Uli Hoeness - es hat sich letztlich gelohnt. Allein schon deshalb, weil manche Spieler durch ihre "halbnackte" Anwesenheit Frauenherzen höher schlagen lassen.
PS: Dafür, dass der Jogi vielleicht doch auf Klinsis Rat gehört haben könnte, spricht das Ergebnis des "Krisengipfels Ballack/Löw". Denn inzwischen haben sie sich wieder alle lieb - der Bundestrainer und der Beinahe-Ex-Kapitän, bei dem wir das "Beinahe-Ex" dann ja streichen können. Und vielleicht reißen die Jungs ja jetzt auch was in Südafrika. Schau?n mer mal.
(ATN/Franziska Blum-Mitarbeit: Jolanda Dowen, 03.11.2008)
Fotos: Franziska Blum/Commerzbank-PR