Die Themen der Zukunft
Nigeria: Finanzkrise belastet Öl-Staat
Mit einem Wachstum von rund 5% im vergangenen Jahr scheint Nigeria auf den ersten Blick zur Gruppe der krisenresistenten Länder zu gehören. Tatsächlich ließen die Reformen der vergangenen Jahre, wie die Einrichtung des Ölstabilisierungsfonds und die Bankensektorkonsolidierung, Nigeria gewappnet in die Krise gehen. Und doch hat die globale Finanzkrise auch in Nigeria Spuren hinterlassen und Schwächen der Volkswirtschaft bloßgelegt.
Da Öleinnahmen immer noch das Gros der Haushaltseinnahmen ausmachen, hatte Nigeria zum ersten Mal seit etlichen Jahren ein Haushaltsdefizit zu verzeichnen. Zur Finanzierung der Haushaltslücke konnte Nigeria zwar auf die Ersparnisse im Ölstabilisierungsfonds zurückgreifen, doch dieses Sicherheitspolster schrumpfte infolgedessen von USD 20 auf USD 6 Milliarden. Die Staatsverschuldung konnte so aber im Zaum gehalten werden und beträgt niedrige 15% des BIP.
Aufgrund fallender Ölpreise und Kapitalabflüsse kam auch das relativ starre Währungsregime Nigerias unter Druck. Mitte Januar vergangenen Jahres sah sich die Regierung gezwungen, de facto Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, um den Wertverfall der Währung zu stoppen, die schon 30% gegenüber dem Dollar verloren hatte. Mit dem erneuten Anstieg des Ölpreises schaffte der neue Zentralbankchef Sanusi die Kapitalverkehrskontrollen im Juli letzten Jahres wieder ab und der Wechselkurs pendelte sich auf einem Niveau von 150 Naira pro USD ein.
Insgesamt hat die Krise gezeigt, dass Nigeria aus den Fehlern früherer Ölbooms gelernt hat und einen starken Anstieg der Staats- und Auslandsverschuldung vermeiden konnte. Doch um die Widerstandsfähigkeit Nigerias gegenüber künftigen Krisen noch weiter zu erhöhen gilt es erstens die Haushaltstransparenz auf Ebene der Bundesstaaten weiter zu stärken, zweitens, das Währungssystem weiter zu flexibilisieren und drittens, weiter an einer Diversifizierung der Wirtschaft zu arbeiten.
Nigeria rutscht auf Platz zwei der afrikanischen Erdölproduzenten
Nigeria zählt immer noch zu den fünfzehn größten Erdölproduzenten weltweit. Wiederkehrende Anschläge von Rebellengruppen im erdölreichen Nigerdelta haben aber in den letzten Jahren zu einem empfindlichen Rückgang der Erdölproduktion geführt. Im März letzten Jahres erreichte diese mit 1,7 Millionen Fass pro Tag ihren niedrigsten Stand in diesem Jahrzehnt und lag weit unter der geschätzten Förderkapazität von rund drei Millionen Fass pro Tag. Somit musste Nigeria den Rang des größten Erdölproduzenten des subsaharischen Afrikas an Angola abgeben. Ob diese Rangverschiebung allerdings von langer Dauer sein wird, ist noch nicht abschätzbar. Denn im Rahmen des Amnestieprogramms der Regierung haben im vergangenen Sommer zwischen 8000 und 15000 Rebellen ihre Waffen niedergelegt. Infolgedessen stieg die Ölproduktion Nigerias auf rund 1,9 Millionen Fass Öl pro Tag zum Jahresende und dürfte in diesem Jahr die 2 Millionen Fass Öl pro Tag Marke wieder überschreiten.
Machtvakuum vorerst beseitigt
Anfang Februar ließ der mehr als zweimonatige Krankenhausaufenthalt des Präsidenten in Saudi-Arabien Forderungen nach einer Machtübergabe an seinen Vizepräsidenten laut werden, um endlich das entstandene Machtvakuum zu beseitigen. Mit der Übertragung der Staatsgeschäfte auf Vizepräsident Jonathan am 9. Februar wurde die politische Unsicherheit zumindest kurzfristig gemindert. Die unerwartete Rückkehr Yar?Aduas nach Nigeria Ende Februar hat erneut Fragen aufgeworfen. Doch wie es scheint, wird der Vizepräsident bis zur endgültigen Genesung Yar?Adua das Amt des Präsidenten weiterhin ausüben. Sollte Präsident Yar?Adua sich im April 2011 aus gesundheitlichen Gründen nicht ein zweites Mal zur Wahl stellen, könnte dies zu starken innerparteilichen Machtkämpfen in der dominierenden Partei PDP im Vorfeld der Wahlen führen.
Bankensektor am Wendepunkt
Nigeria ist das Finanzzentrum Westafrikas. Doch die Ereignisse im vergangenen Jahr haben der im Jahr 2004 begonnenen Erfolgsgeschichte des nigerianischen Bankensektors ein kritisches Kapitel hinzugefügt. Hauptursache für die Bankenkrise waren eine zu laxe Kreditvergabepraxis, das Platzen der Blase am heimischen Aktienmarkt und mangelndes Risikomanagement. Zwei Untersuchungen der Zentralbank haben im Sommer letzten Jahres das Schadensausmaß dieser Kreditvergabepraxis ans Licht gebracht. Sie stellten die mangelnde Kapitalisierung von neun der insgesamt 25 Banken fest. Die Zentralbank hat mit Kapitalspritzen und Liquiditätshilfen in Höhe von USD 4,2 Milliarden eine schwere Bankenkrise abgewendet und sucht nun strategische Partner für diese Banken. Bisher haben vor allem südafrikanische Banken ihr Kaufinteresse geäußert. Insgesamt ist es als positiv zu werten, dass nun mit den "Aufräumarbeiten" im Bankensektor begonnen werden kann. Infolgedessen hat sich allerdings das Kreditwachstum schon deutlich verringert und eine weitere Konsolidierung des Bankensystems ist zu erwarten. Die nationalen Behörden werden in den nächsten Monaten ihren Fokus darauf legen, die Kapitalbasis der schwachen Banken zu stärken, die Bankensektorregulierung zu verbessern und die Kreditvergabe an den privaten Sektor mittelfristig wiederzubeleben.
Aktien- und Anleihemärkte weiterhin auf Wachstumskurs
Um nach dem Schuldenerlass im Jahr 2005/2006 nicht erneut hohe Auslandsschulden aufzubauen, hat die nigerianische Regierung bisher davon abgesehen, eine internationale Anleihe zu begeben. Doch trotz der Herabstufung des Länderratings auf B+ durch die Ratingagentur S&P im August letzten Jahres äußerte die Regierung im November nun doch ihre Absicht, in diesem Jahr einen zehnjährigen in Naira denominierten Eurobond zu begeben. Sie möchte in erster Linie ein Referenzpapier für weitere internationale Unternehmensanleihen schaffen. Im Gegensatz zum ausländischen Anleihemarkt verzeichnet der inländische Anleihemarkt schon seit Jahren ein kontinuierliches Wachstum. Seit dem Jahr 2005 das sich das Volumen inländischer Staatsanleihen von USD 5 auf USD 15 Milliarden verdreifacht.
Der nigerianische Aktienmarkt ist nach Südafrika mit Abstand der zweitgrößte Aktienmarkt im subsaharischen Afrika. Rund 200 Unternehmen sind an der Börse notiert, wobei Banken über die Hälfte der Marktkapitalisierung ausmachen. Nach einem Höhenflug der Aktienkurse seit dem Jahr 2004 kam im März 2008 die Wende. In Euro gemessen erreichte der nigerianische Aktienindex im Dezember letzten Jahres seinen Tiefstand. Die starke Erholung am Aktienmarkt, die in vielen anderen Ländern im vergangenen Jahr zu beobachten war, ist in Nigeria aufgrund der Probleme im Bankensektor bisher ausgeblieben.
Insgesamt bleibt Nigeria aufgrund seines Rohstoffreichtums, seines großen heimischen Konsumgütermarktes und der voranschreitenden Finanzmarktentwicklung ein sogenannter Frontier-Markt mit großem Potential.
(ATN/Deutsche Bank Research-Marion Mühlberger)