Die Themen der Zukunft
Wir müssen lernen, die Krise zu lieben
Lesen Sie jetzt das Interview mit Sven Gábor Jánszky:
Herr Jánszky, trotz milliardenschwerer Hilfspakete der Politik wollen die Börsen nicht wieder signifikant steigen. Wird die Finanzkrise zu einer Dauererscheinung?
Natürlich! Lassen Sie sich nicht vormachen, dass eine Finanzmarktkrise auf den Finanzmarkt beschränkt ist. Das ist Unsinn. Wir haben derzeit zwei Phänomene. Zum einen die aus den Fugen geratenen Unternehmensbewertungen an der Börse. Dies wird sich recht schnell wieder geben. Der wichtigere Teil ist aber jene Vertrauenskrise die jede Wirtschaftskrise prägt. Vertrauen ist das Schmiermittel jeder Wirtschaft. Wenn die Marktteilnehmer sich nicht mehr vertrauen, dann dauert es sehr lange das Vertrauen neu aufzubauen. Für diese Zeit müssen wir uns auf eine handfeste Wirtschaftskrise einstellen.
Welche Auswirkungen wird diese Wirtschaftskrise haben?
Wenn wir Menschen uns nicht mehr vertrauen, dann schalten wir unsere Sicherheitssysteme ein. Wir geben weniger Geld aus, wir verzichten auf Dinge, die nicht zwingend nötig sind. Genauso führen wir unsere Unternehmen. Nicht unbedingt notwendige Aufträge werden storniert, Investitionen auf Eis gelegt und Kosten eingespart. Man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass nach der Krise der eine Teil der Unternehmen überlebt haben wird und der andere Teil kaputt gegangen ist. Dies ist in jeder Wirtschaftskrise so. Die spannende Frage ist einzig und allein: Was machen die erfolgreichen Unternehmen anders als jene die Pleite gehen werden?
Und was macht den Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern der Krise?
Die eine haben den Wert des Vertrauens für ihre Geschäftsmodelle verstanden, die anderen nicht. Denn das Vertrauen wird künftig der zentrale Wert der Wirtschaft sein. In unserem Zukunftsszenario ?Lebenswelten 2020? beschreiben wir, wie Vertrauen zur Grundlage der Wirtschaft wird und wie Geschäftsmodelle der Zukunft auf Vertrauen basieren. In einer immer komplexeren Welt, in der der Einzelne keine Chance mehr hat, alle auf ihn einstürmenden Informationen sinnvoll zu verarbeiten werden jene Unternehmen gewinnen, deren Kundenbeziehungen auf einem tiefen und durch Höhen und Tiefen geprüften gegenseitigen Vertrauen basieren.
Und was hat das mit der heutigen Wirtschaftskrise zu tun?
Diese Krise ist eine riesige Chance für Unternehmen! Sehen Sie sich an, wie Vertrauen entsteht! Hirnforscher berichten, dass Vertrauen -neurobiologisch gesehen- erst durch Prüfungen entsteht. Prüfungen sind dabei vor allem Versprechungen die gemacht werden und später gehalten werden oder nicht. Mindestens zwei Prüfungen müssen es sein, um ein Grundvertrauen zu erreichen, mit jeder weiteren erfolgreichen Prüfung steigt das Vertrauen. Besonders intensiv im Vertrauensaufbau sind dabei jene Prüfungen, in denen die Partner in einer sichtbaren Krise zunächst aneinander zweifeln, dann aber zueinander stehen und sich gegenseitig ihr Vertrauen rechtfertigen. Anders gesagt: Wir brauchen Krisen, um den wichtigsten Grundstoff für unsere Zukunftsmodelle zu gewinnen: Das Vertrauen unserer Kunden!
Ist das nicht sehr theoretisch?
Überhaupt nicht! Gehen Sie in eine Kirche! Dort wird seit mehr als 2000 Jahren die stärkste Marke der Welt gepflegt, einzig und allein indem ?Marke? und Kunde? kontinuierlich miteinander eine Krise nach der anderen durchleben, immer wieder aneinander zweifeln und sich gegenseitig vergeben. So sehr wir Menschen über Leistungsgesellschaft und Ellenbogenmentalität reden, so sehr sehnen wir uns jeden Tag wieder nach Anerkennung und Vertrauen. Sie können sicher sein, dass in den Strategie- und Innovationsabteilungen die wir beraten, gerade an konkreten Strategien gearbeitet wird wie die kommende Wirtschaftskrise genutzt werden kann, um Umsätze und Gewinne mit neuen Produkten und Dienstleistungen basierend auf dem Kundenbedürfnis nach Anerkennung zu steigern.
Das heißt Sie nutzen die Krise als Geschäftschance?
Natürlich! Eine gute Krise eskaliert vor allem. Sie macht gutes besser und schlechtes schlechter. Wenn Sie als feststellen, dass sie Kunden für ein bestimmtes Produkt verlieren, das Ihnen Aufträge verloren gehen, dann überdenken Sie ihr Produkt. Vermutlich ist es nicht mehr attraktiv und der Einbruch wäre etwas später auch ohne Krise gekommen. Jetzt ist der beste Zeitpunkt angestaubte Geschäftsmodelle abzulegen und jene Chancen zu erkennen, mit denen Sie gegen den Trend wachsen können!
Was machen jene Unternehmen die die Krise als Gewinner überstehen werden konkret heute anders als die anderen?
Die konkreten Maßnahmen sind natürlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Aber ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel, das für fast alle gilt: Die Unternehmen in Deutschland machen 80% Ihres Umsatzes mit Stammkunden. Aber gleichzeitig legen Sie viel mehr Kraft in die Gewinnung von Neukunden für bestehende Produkte als in die Entwicklung von Neuprodukten für bereits bestehenden Kunden. Das ist schizophren und führt dazu dass ein deutsches Unternehmen im Zeitraum von 3 Jahren durchschnittlich 43% seiner Stammkunden verliert! Ein Merkmal von Zukunftsunternehmen ist also in heutigen Krisenzeiten die exakte Analyse der Bedürfnisse jener Stammkunden, deren Vertrauen ich schon habe. Denen werde ich weitere Produkte verkaufen können und damit Umsatz und Gewinn steigern, auch in Zeiten der Krise.
Zuletzt bitte noch die Prognose des Trendforschers: Wie lange wird die Krise dauern?
Gegenfrage: Wenn Sie Ihrem Bekannten vor 3 Monaten Geld geborgt haben und er versprochen hat es gestern zurückzuzahlen. Er hat sich aber gestern nicht bei Ihnen gemeldet und heute erfahren Sie, dass er nicht zurück zahlen kann. Wie lange dauert es dann, bis Sie ihm wieder Geld leihen? Sie sehen an diesem Beispiel, dass Misstrauen sehr schnell entsteht, wenn Versprechen nicht gehalten werden. Vertrauen dagegen entsteht sehr langsam und nicht durch Milliarden-Hilfspakete. Die Krise wird so lang dauern, bis die Menschen die an den Entscheidungsstellen der Unternehmen sitzen, wieder Vertrauen zueinander gefasst haben und die Konsumenten wieder einer sicheren Zukunft vertrauen. Sehr optimistisch betrachtet: Lassen Sie uns in 12 Monaten schauen, ob die Konjunktur langsam wieder nach oben dreht!
(ATN/Unternehmensinfomationen, 20.10.2008)