Die Themen der Zukunft
Marktkommentar: Von Basiseffekten und Anlegern
Er ist trickreich und schafft es oft, selbst die schlauesten Menschen zu überlisten. Wer ist also dieser mächtige Zeitgenosse, dem nicht nur die weltweiten Börsen huldigen und der dennoch so oft übersehen wird? Der Basiseffekt steckt in jeder Datenreihe, die wir uns anschauen können. Und hinter ihm steckt nichts anderes als harmlose Prozentrechnung. Gemeint ist die Tatsache, dass die Berechnung einer prozentualen Veränderung immer mit einem Basiswert startet. Steigt der Preis von Milch von 19 Cent auf 29 Cent, dann sind die 19 Cent die Basis, von der aus die prozentuale Veränderung des Preises berechnet wird.
In diesem Falle ein Anstieg von etwas mehr als 50%. Je kleiner die Basis, desto größer der prozentuale Anstieg. Bis hierher also kein Hexenwerk, sondern einfachste Mathematik. Trotzdem führen Basiseffekte immer wieder dazu, dass die Marktteilnehmer an den Börsen falsche oder voreilige Schlüsse ziehen.
Ein Extrembeispiel für die Wirkung von Basiseffekten lieferten die jüngsten Auftragseingangszahlen für den japanischen Werkzeugmaschinenbau. Hier steht nun ein prozentualer Anstieg von knapp 200% in den Wirtschaftsstatistiken. Kein Wunder, sondern - Sie ahnen es bereits - ein Basiseffekt. Denn hier waren die Auftragseingänge zuvor um fast 90% eingebrochen und hatten damit einen extrem niedrigen Basiswert geschaffen. Bedeutet nichts anderes, als dass die Aufträge zunächst von einem Vorkrisenniveau von 100 Indexpunkten auf 10 zurückgefallen waren und nun wieder auf 30 Indexpunkte angestiegen sind.
Immer noch 70% unter dem Niveau vor der Krise. Insofern können wir nur immer wieder darauf hinweisen: Lassen Sie sich nicht vom Basiseffekt austricksen! Wer nur auf Jahresveränderungsraten schaut, wird womöglich fehlgeleitet. In den USA konnten wir einen Anstieg der Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter um 9,9% gegenüber dem Vorjahr sehen. Ein genauerer Blick verdeutlicht, dass wir uns immer noch ca. 23% unter dem Vorkrisenniveau bewegen, was die zunächst sehr positive Wirkung des Anstiegs auf Jahresbasis wieder relativiert.
Schuld ist auch hier der Basiseffekt. Durch den vorher starken Einbruch der Auftragseingänge um 30% und der damit geschaffenen niedrigen Basis, erscheinen die prozentualen Anstiege nun umso größer. Das gleiche Bild zeigt sich in Europa, wo die Auftragseingänge um 9,5% im Vorjahresvergleich anstiegen. Wir können den positiven Blick vieler Marktteilnehmer auf die Konjunkturerholung deshalb nicht nachvollziehen. Im Gegenteil.
Die aktuellen Daten aus den USA waren in unseren Augen noch einmal deutlich schlechter als erwartet. So fielen die Verkaufszahlen neuer Einfamilienhäuser auf ein neues Allzeit-Tief seit 1963. Der Anteil von Darlehen in Zwangsvollstreckung erreichte im Gegenzug ein neues Allzeit-Hoch und liegt nun viermal so hoch wie im Durchschnitt der letzten 30 Jahre. Ein erneutes Abrutschen in die Immobilienrezession droht.
Dementsprechend fielen auch die Umfragen zur Verbraucherstimmung in den USA zuletzt wieder etwas schlechter aus. Auch in Deutschland hat sich der bekannte ifo-Geschäftsklimaindex zuletzt wieder abgekühlt. Insgesamt also alles andere als eine gradlinige Konjunkturerholung, in der wir uns befinden. Zinsseitig dürften die Notenbanken daher unserer in den letzten Monaten immer wieder geäußerten Erwartung entsprechen und die Leitzinsen noch längere Zeit auf einem konjunkturstimulierenden, niedrigen Niveau halten.
Die Rentenmärkte bleiben in einem solchen Umfeld in unseren Augen deshalb weiter attraktiv, und wir sehen für Staatsanleihen mit langerLaufzeit - trotz bereits niedrigem Renditeniveau - weiteres Kurspotential. Griechische Anleihen bieten aufgrund der anhaltenden Diskussion um die dortigen desolaten Staatsfinanzen für risikobewusste Anleger weiter attraktive Renditeaufschläge.
Allerdings muss man bereit sein, zwischenzeitlich stärkere Kursschwankungen auszusitzen. Daneben verfehlt die Griechenlanddiskussion auch auf den Devisenmärkten nicht ihre Wirkung. Der Euro verliert weiterhin relativ zum US-Dollar und fast allen anderen Währungen. So klar wird der Trend jedoch nicht immer bleiben. Denn inzwischen setzen sowohl die meisten institutionellen Anleger als auch spekulativen Hedgefonds auf einen fallenden Euro.
Eine kurze Gegenbewegung kann dann zu einer Kettenreaktion führen, wenn alle ihre Positionen schnell wieder auflösen müssen, um Gewinne zu realisieren oder Verluste zu vermeiden. Die Aktienmärkte haben Schwierigkeiten, die aktuell unklare wirtschaftliche Situation zu deuten. Wie von uns zu Jahresbeginn erwartet, bewegen sie sich per Saldo unter großen Schwankungen seitwärts. In den letzten Tagen waren sie wieder etwas stärker, und es muss sich nun zeigen, ob sie noch einmal die Kraft aufbringen werden, die Höchststände von Mitte Januar zu erreichen. Unsere Konjunktureinschätzung lässt uns daran zweifeln.
(ATN/Weberbank-Unternehmensinformationen)