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Die Themen der Zukunft

Mit Indianer oder im Bordell

Heutzutage strömen Zuhörer zu Lesungen wie zu Konzerten. Bastian
Sick ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod") und Charlotte Roche
("Feuchtgebiete") sind Beispiele für Stars im Lesezirkus: Bei den
schlüpfrigen "Feuchtgebieten" fallen Zuhörer schon mal in Ohnmacht,
zu Sicks "Deutschstunde" kamen 15 000 Menschen in die Arena in Köln.
Autoren wie Jan Weiler ("Maria, ihm schmeckt's nicht!"), Wladimir
Kaminer ("Russendisko") und Benjamin von Stuckrad-Barre («Soloalbum»)
nutzten ihre Tourneen als Stoff für neue Texte.

Mit der Bahn in die Provinz, zu immer neuen Orten: "Ich habe nicht
schlecht gestaunt, wie anstrengend das ist", sagt Rowohlt-
Mitarbeiterin Tessa Martin, die Martin Walser bei Auftritten
begleitete. Schriftsteller wie Katja Lange-Müller und Feridun
Zaimoglu absolvieren bis zu 90 Lesungen im Jahr, berichtet der Verlag
Kiepenheuer & Witsch. Die Auftritte sind nicht nur ein Marketing-
Instrument. "Lesungen sind meist die einzige Möglichkeit für den
Leser, einen Autor live zu erleben", erklärt Verlagsmitarbeiterin Eva
Betzwieser.

Oft wird zusätzliche Prominenz als Zugpferd engagiert, das
Publikum und die Presse sollen sich nicht langweilen. Als Jonathan
Littell seinen NS-Roman "Die Wohlgesinnten" im Berliner Ensemble
vorstellte, versuchte Publizist Daniel Cohn-Bendit als Moderator,
Littell aus der Reserve zu locken. Bei Autorin Katja Kessler ("Das
Mami Buch") schaute Familienministerin Ursula von der Leyen vorbei -
und schwärmte vom Geruch von Baby-Windeln.

Als Ariadne von Schirach aus ihrem Erstling "Tanz um die Lust"
las, gab es sogar eine kleine Striptease-Nummer in "Clärchens
Ballhaus" in Berlin. Susanne Fengler präsentierte ihren Roman
"Heidiland", in dem es um eine deutsche Schweiz-Pendlerin geht, auf
einem Billig-Flug nach Zürich. Der italienische Krimiautor Gianrico
Carofiglio lockte mit seinem Buch in einen Schießkeller der
bayerischen Polizei. Norbert Kron war mit "Der Begleiter" in einem
ehemaligen Berliner Bordell zu Gast; sein Romanfeld ist ein
Journalist, der bei einer Escort-Agentur anheuert.

"Sicher haben sich Veranstaltungen rund ums Buch in den
vergangenen Jahren eher hin zum Event verändert", sagt Claudia
Hanssen vom Goldmann Verlag. Doch es gebe, vor allem im literarischen
Bereich, auch den gegenläufigen Trend, der sich wieder stärker auf
Inhalte konzentriere. Ob ein Verlag eine Diskussionsrunde, eine eher
puristische Lesung oder eine Party mit Lesung organisiert, hängt laut
Hanssen vom Genre, vom Text und vom Autor ab. "Grundsätzlich lässt
sich aber sagen, dass Verlage heute sehr viel mehr Arbeit und
intensivere Vorbereitungen in Autorenveranstaltungen investieren als
früher."

Der Suhrkamp Verlag, der für die "Sozialistischen Cowboys" von
Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer warb, holte neben dem
deutschen Indianer einen DDR-Countrystar auf die Bühne - dieser sang
und erzählte von einem Jodelwettbewerb im Harz. So wurde es ein
unterhaltsamer Abend für das Publikum. Dazu fanden sich gute Bilder
für die Fernsehkameras, die sich sonst in Literatursendungen mit
Szenen von Dichtern auf Parkbänken im Herbstlaub begnügen müssen.
(ATN/Caroline Bock-dpa, 16.06.2008) 

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