Die Themen der Zukunft
Brasilien: Zunehmende Stabilität der Volkswirtschaft
Dieses Ergebnis steht
nicht im Widerspruch zu der optimistischen Einschätzung der BRIC-Märkte und (anderer aufstrebender Volkswirtschaften) der Experten von Deutsche Bank Research. Es ist natürlich schwieriger, in diesen Märkten tätig zu sein, und es wäre falsch, die Größe einer Volkswirtschaft mit ihrem Marktpotenzial gleichzusetzen. Für Unternehmen des Mittelstands ist es schwierig, die sich bietenden Chancen kosteneffizient zu nutzen.
Das hohe Wirtschaftswachstum und die rasch wachsende Mittelschicht in den BRIC-Staaten eröffnen jedoch
beträchtliches Geschäftspotenzial, und große, international ausgerichtete Unternehmen können es sich nicht leisten, die Geschäftschancen in vier der größten Volkswirtschaften, die zudem ein hohes Wachstumspotenzial haben, nicht zu nutzen. Außerdem erhöht die zunehmende Stabilität der Wirtschaftslage der BRIC-Länder noch weiter ihre Attraktivität. Mit Brasilien hat das letzte BRIC Land nun ein Investment Grade-Rating erhalten.
Brasilien geriet in der Vergangenheit oftmals in
Zahlungsverzug. Wie viele andere Länder Lateinamerikas war das Land im 19. und 20. Jahrhundert häufig nicht in der Lage, seinen Auslandsverbindlichkeiten nachzukommen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen konnte Brasilien im Jahr 2002 gerade noch eine erneute Zahlungsunfähigkeit vermeiden.
Seitdem ist Brasilien durch eine disziplinierte,
stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik gekennzeichnet, die mit günstigen Rahmenbedingungen (insbesondere steigenden Rohstoffpreisen) einherging. Als Folge dieser Entwicklung gelang Brasilien der Wandel vom "serial Defaulter" zum Nettogläubiger des Auslands.
Die Verbesserung der brasilianischen
Auslandsgläubigerposition war besonders beeindruckend. Brasilien ist heute wie die anderen BRIC-Länder Nettoauslandsgläubiger. Durch die zunehmenden Währungsreserven und den Rückgang der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland wurde der brasilianische Staat 2006 Nettoauslandsgläubiger und dürfte Brasilien insgesamt 2008 zum Nettogläubiger gegenüber dem Ausland avancieren.
Zusammen mit der
Rückzahlung annähernd der gesamten heimischen Verschuldung in Fremdwährung hat dies die Anfälligkeit der brasilianischen Wirtschaft für plötzliche Zahlungsausfälle stark verringert. Der frei floatende Wechselkurs und die Tatsache, dass die Notenbank ein Inflationsziel verfolgt, haben zu einer hohen Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft auch gegenüber potenziellen Schocks geführt.
Zu bewältigende
Schwächen in der Wirtschafts- und Fiskalsituation bestehen weiterhin. In diesem Jahr wird Brasilien zum ersten Mal seit 2002 ein Leistungsbilanzdefizit verzeichnen. Aber selbst unter pessimistischen Prognosen können die Leistungsbilanzdefizite 2008/2009 vollständig und ohne Probleme finanziert werden. Eine Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits dürfte kein großes Problem darstellen.
Die
Inflationsrate hat sich in der letzten Zeit beschleunigt und dürfte 2008 die Zielmarke überschreiten, was die Notenbank zu weiteren Zinserhöhungen zwingen wird. Es ist von großer Bedeutung, dass die Zentralbank, die Regierung und die Gesellschaft die Aufrechterhaltung der Preisstabilität heute als notwendig ansehen.
Die
armen Bevölkerungsgruppen konnten deutlich von der erfolgreichen Inflationsbekämpfung der Regierung profitieren, und die stabilitätsorientierte Politik trug dazu bei, Präsident Lula eine zweite Amtszeit zu sichern. Es ist kaum vorstellbar, dass Brasiliens Bemühungen, die Inflation zu bekämpfen, ernsthaft in Frage gestellt werden könnten. Die öffentliche Verschuldung bleibt hoch.
Die Netto- und besonders die
Bruttoneuverschuldung bewegen sich weiterhin auf hohem Niveau. Obwohl sich der Schuldenstand in den nächsten Jahren verringern dürfte, sind die laufenden Primärausgaben zu hoch, um mit einer langfristig tragfähigen Verschuldung vereinbar zu sein.
Die Tragfähigkeit der Verschuldung gibt aus heutiger Sicht jedoch keinen Anlass zur Besorgnis. Brasiliens
Wachstumspotenzial ist relativ begrenzt, wobei hier das zu geringe Investitionsvolumen eine wichtige Rolle spielt. Brasiliens Bruttoinlandsinvestitionen (gemessen am BIP) machen nicht einmal 50% des chinesischen und indischen Investitionsvolumens aus.
Deshalb kann es nicht überraschen, dass das BIP-Wachstum Brasiliens im letzten
Jahrzehnt nicht einmal halb so hoch war wie die Expansionsrate Chinas und Indiens. Obwohl das Wirtschaftswachstum Brasiliens relativ gering ist (gegenüber den neunziger Jahren allerdings hoch!), wird dies die Aussichten für die Stabilität der Finanzsituation nicht trüben.
Das
Investment Grade-Rating für Brasilien war lange überfällig. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung, das Investitionsvolumen zu steigern, um die "Wachstumslücke" zu den anderen BRIC-Ländern zu reduzieren und die bestehenden Schwächen der brasilianischen Wirtschaft aus dem Weg zu räumen. Die noch bestehenden wirtschaftlichen Probleme sind lösbar.
Obwohl eine Reihe von
potenziellen Strukturreformen dazu beitragen könnte, die Belastungsfaktoren auszuräumen; wäre die Regierung gut beraten, "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen", indem sie das Wachstum der Primärausgaben in Grenzen hält. Ob dies politisch durchsetzbar ist, wird sich zeigen. Brasilien hat eindeutig von den günstigen internationalen Rahmenbedingungen profitiert, aber hat diese benutzt, um seine Bilanz zu bereinigen. Jetzt ist es gut aufgestellt, die Voraussetzungen für lang anhaltendes Wirtschaftswachstums zu schaffen.
(ATN/Deutsche Bank Research-Markus Jaeger)