Die Themen der Zukunft
Demographische Perspektive der BRIC-Länder
Die demographische Entwicklung der BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China könnte kaum unterschiedlicher sein. Im Modell des "demographischen Übergangs" befindet sich Indien am Anfang von Phase III (Geburtenrate und Bevölkerungswachstum sinken), Brasilien und China in Phase IV (niedrige Sterbe- und Geburtenrate, Bevölkerungswachstum ist gering und unterliegt kaum Schwankungen), während Russland bereits Phase V erreicht hat (Geburtenrate unter Reproduktionsniveau, Bevölkerung nimmt ab). Es ist wenig überraschend, dass die Unterschiede in der prognostizierten Entwicklung der Erwerbsbevölkerung - der ökonomisch relevanten Variable - sowohl in absoluten Zahlen als auch relativ betrachtet signifikant sind.
In Indien wird die Erwerbsbevölkerung im Verlauf der beiden kommenden Jahrzehnte um beeindruckende 240 Millionen zunehmen (dies entspricht dem Vierfachen der gesamten britischen Bevölkerung); in Brasilien beträgt der erwartete Zuwachs lediglich 20 Millionen. Im Gegensatz dazu wird die Erwerbsbevölkerung Russlands laut UN-Prognosen drastisch, d.h. um nahezu 20 Millionen, sinken. In China dürfte die Erwerbsbevölkerung 2015 ihren Höchststand erreichen und dann allmählich schrumpfen. Im Jahr 2030 dürfte sie lediglich 10 Mio. Erwerbspersonen mehr umfassen als heute - angesichts einer Gesamtbevölkerung von 1,35 - 1,45 Mrd. ist dies eine vernachlässigbare Veränderung. 2030 wird Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde abgelöst haben.
Im Modell der "demographischen Dividende" ist der Abhängigkeitsquotient (d.h. das Verhältnis der alten und jungen abhängigen Bevölkerung zu den Erwerbsfähigen) und nicht der absolute Anstieg (bzw. Rückgang) der Erwerbsbevölkerung die ökonomisch relevante Variable. Bei sinkendem Abhängigkeitsquotienten, d.h. einer steigenden Zahl von Erwerbsfähigen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, beschleunigt sich das Pro-Kopf-Wachstum. Umgekehrt bedeutet ein steigender Abhängigkeitsquotient ein Wachstumshemmnis. Interessanterweise deutet empirische Evidenz darauf hin, dass der wachstumshemmende Effekt eines Anstiegs des Altenquotienten etwas geringer zu sein scheint als die aus einem entsprechenden Rückgang des Jungenquotienten entstehende positive "Dividende".
Allerdings wäre es falsch, diesen Prozess zu mechanistisch zu sehen. In welchem Maß sich das Pro-Kopf-Wachstum beschleunigt, hängt auch - unter anderem - von der Kapazität der Volkswirtschaft ab, das rasche Wachstum der Erwerbsbevölkerung zu absorbieren. Wie zuvor die ostasiatischen Tiger war auch China in dieser Hinsicht sehr erfolgreich und hat ein schnell wachsendes Erwerbspersonenpotential in der produktiven, exportorientierten Verarbeitenden Industrie absorbiert. In Brasilien hingegen stellte es sich aufgrund der nach innen gerichteten wirtschaftlichen Strategie der 1960er und 70er Jahre schwieriger dar, ein "ostasiatisches" Pro-Kopf-Wachstum zu erzielen, da viele Erwerbstätige im städtischen Dienstleistungssektor mit geringer Produktivität arbeiteten anstatt in der vergleichsweise produktiveren Verarbeitenden Industrie. Hierbei war die Existenz eines relativ großen und kapitalintensiven Rohstoffsektors ebenfalls nicht hilfreich.
Im Rahmen der Bevölkerungsdividende beeinflussen demographische Entwicklungen das Wachstum primär über zwei Kanäle: den Faktor Arbeit sowie die Ersparnisse. Erstens steigt das Pro-Kopf-Wachstum aufgrund höheren Einsatzes des Faktors Arbeit. Natürlich wird dieser nicht nur durch den Anteil der Erwerbsfähigen an der Gesamtbevölkerung bestimmt, sondern auch durch die Erwerbsquote und die je Erwerbstätigem erbrachten Arbeitsstunden. Wenn jedoch der Anteil der Erwerbsfähigen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wächst, steigt der Pro-Kopf-Einsatz des Faktors Arbeit. Das Gegenteil ist der Fall, wenn der Anteil der Erwerbsbevölkerung an der Bevölkerung sinkt. Zweitens: sobald sich die "Belastung" durch abhängige junge Menschen in eine Erwerbspersonenschwemme aus jungen Erwachsenen umkehrt, steigt die Sparquote und unterstützt so potentiell einen Boom bei Ersparnissen und möglicherweise Investitionen. Allerdings bestimmen wiederum eine Reihe anderer Faktoren wie Inflation und wirtschaftliche Stabilität inwieweit dieses Potential realisiert wird. Die empirischen Belege für diesen Zusammenhang sind bestenfalls als gemischt zu bezeichnen. Allerdings finden komplexere Modelle wie das des "variable rate-of-growth effect", das als zusätzliche Variable das Wirtschaftswachstum beinhaltet, relativ hohe Zustimmung. So schätzen Bloom-Williamson den Beitrag der demographischen
Faktoren zum ostasiatischen Wirtschaftswunder der Jahre 1965-90 auf 1/3 bis 1/2.
Im Verlauf der kommenden 10, 20 oder 30 Jahre werden die BRIC-Länder deutlich unterschiedliche demographische Entwicklungen durchlaufen. Dies wird sich nicht nur auf die Wachstumsperspektiven auswirken, sondern auch auf das Spar- und Investitionsverhalten und eventuell - wenngleich dies schwer zu quantifizieren ist - auch auf die Wachstumsaussichten für die Finanzmärkte. So sind Brasilien und Indien in demographischer Hinsicht in einer deutlich günstigeren Position als China und Russland. Das "demographische Fenster" Brasiliens (hier "nicht-technisch" als sinkender Abhängigkeitsquotient definiert) wird sich etwa 2020-25 schließen, während es sich in China und Russland bereits jetzt schließt. Im Gegensatz dazu wird Indien weitere drei Jahrzehnte lang sehr positive demographische Impulse verzeichnen.
Natürlich kann die Wirtschaftspolitik zu einer Abfederung der negativen demographischen Auswirkungen auf das Pro-Kopf(!)-Wachstum beitragen, indem sie z.B. die Verstädterung oder eine höhere Erwerbsquote fördert. Dies könnte für China und Indien, die beide noch wenig "verstädtert" sind, von Relevanz sein. Man sollte dennoch nicht vergessen, dass demographische Veränderungen nicht der einzige oder gar wichtigste Einflussfaktor für das Wirtschaftswachstum sind. Der relativ geringe Kapitalstock (pro Kopf) der BRIC-Länder und ihre große Entfernung von der "Technologiegrenze" bedeuten, dass alle vier Volkswirtschaften signifikantes, wenngleich unterschiedliches "Aufholpotenzial" haben. Daher haben alle BRIC-Länder, wenn auch in unterschiedlichem Grade, einigen Spielraum mittels technologischen Fortschritts und Kapitalakkumulation der nachteiligen demographischen Entwicklung entgegenzuwirken - wobei die Akkumulation von Kapital durch den Abwärtsdruck auf die Sparquoten betroffen werden dürfte. Bleibt die Tatsache, dass die Demographie in einigen BRIC-Ländern bald ein unter dem Strich negativer Faktor werden wird. Ökonomen und Finanzmarktanalysten täten gut daran, ihr Augenmerk auf die stark unterschiedlichen demographischen Entwicklungen in den BRIC-Ländern zu richten.
(ATN/Deutsche Bank Research-Markus Jaeger)