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Direktinvestitionen: Der Drache auf der Überholspur

Die Akkumulierung von Devisenreserven in den BRIC-Ländern erhält in der Presse im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit als die ausländischen Direktinvestitionen der vier Länder, wobei politisch sensible Investitionsprojekte eine Ausnahme darstellen. Dies ist kaum überraschend. Trotz deutlich wachsender Auslandsanlagen sind die Investitionsströme und der Bestand an ADI relativ gering. Im Jahr 2007 machte der Anteil der BRIC-Länder an den globalen ADI lediglich 3.3% (USD 510 Mrd.) aus und die Investitionsströme beliefen sich auf etwas über 4,5% (USD 90 Mrd.); gemessen an der allgemeinen wirtschaftlichen Bedeutung der BRIC-Länder ist dies ein geringes Niveau. Um einen Eindruck über die Relationen zu vermitteln, sei gesagt, dass die ADI der BRIC-Länder insgesamt ein geringeres Volumen aufweisen als die Italiens. Der Anteil der BRIC-Länder an den weltweiten Investitionsströmen hingegen hat sich von 1% in den 90er Jahren auf 4% im Zeitraum 2003-07 erhöht. Obwohl Chinas ADI geringer sind als die Russlands, ist zu erwarten, dass die chinesischen Investitionen im Ausland in dem kommenden Jahren schneller und deutlicher ansteigen werden.

Der erste und letztendlich auch simpelste Grund für diese Erwartung ist die Größe der chinesischen Volkswirtschaft sowie das raschere Wirtschaftswachstum und insbesondere die hohen außenwirtschaftlichen Überschüsse des Landes, die eine signifikante Kapitalakkumulation im Ausland unterstützen werden. Auch die Leistungsbilanzüberschüsse Chinas dürften die der anderen BRIC-Länder um ein Vielfaches übersteigen (tatsächlich werden die anderen Länder in den kommenden Jahren keinerlei Überschüsse erwirtschaften). In der Kapitalbilanz dürfte China größere Zuflüsse an ADI verzeichnen und auch von umfangreichen Kreditzuflüssen profitieren, die mittelfristig dauerhafte Kapitalbilanzüberschüsse generieren dürften (teilweise dank stärkerer Restriktionen für Kapitalabflüsse). Ein Teil dieses Überschusses wird über kurz oder lang in Form von ADI "recycled" werden.

Zweitens verfügt China über erhebliches Aufholpotential. Sowohl im Verhältnis zum BIP als auch anteilig an den gesamten Auslandsanlagen bewegen sich der Bestand an chinesischen ADI wie auch die Investitionsströme auf niedrigem Niveau. Der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen beläuft sich auf lediglich 3% des BIP; in Brasilien sind es 10% und in Russland 20%. Selbst in Dollar gemessen sind die ausländischen Direktinvestitionen Chinas geringer als die Brasiliens oder Russlands! Das geringere ADI-Niveau relativ zu anderen Bezugsgrößen ist zu einem Teil dem raschen Anstieg des "Nenners" (BIP in USD, Auslandsanlagen) geschuldet und zu einem anderen den (historisch gewachsenen) erheblichen Restriktionen, denen Auslandinvestitionen in China unterworfen sind (oder waren). Das in den letzten Jahren rasch gestiegene Pro-Kopf-Einkommen dürfte daher den Anstieg chinesischer ADI fördern. Zugegebenermaßen bieten alle diese Daten nur eine eher grobe Orientierung; sie sind jedoch durchaus Indikatoren für Chinas Aufholpotential.

Drittens wurden die Bestimmungen für Direktinvestitionen im Ausland in den vergangenen Jahren liberalisiert und die entsprechenden bürokratischen Prozesse vereinfacht. Die chinesische Regierung bietet dabei den Unternehmen im Rahmen gezielter Förderprogramme unterschiedliche Formen der Unterstützung an. Im Vergleich zu den 90er Jahren sind die Bestimmungen bezüglich ADI heute deutlich förderlicher (oder zumindest erheblich weniger restriktiv), was zu einem Anstieg der chinesischen Direktinvestitionen im Ausland beitragen dürfte.

Und schließlich dürften breiter angelegte strategische Ziele die Investitionstätigkeit Chinas im Ausland stützen. Infolge des stark auf natürlichen Ressourcen basierenden Wirtschaftswachstums hat sich die Rohstoffabhängigkeit Chinas in den letzten Jahren deutlich verschärft. Daher dürfte die Regierung Unternehmen unterstützen, die Anlagen im Rohstoffsektor erwägen, indem das wirtschaftliche Risiko begrenzt und finanzielle Anreize geschaffen werden, die die Unternehmen veranlassen, sich im Ausland zu engagieren. Zwar bestehen auch für die Regierungen in Brasilia, Delhi und Moskau strategische Anreize, Direktinvestitionen im Ausland zu fördern; die Rohstoffabhängigkeit ist dort jedoch (deutlich) geringer.

Aufgrund der Größe seiner Volkswirtschaft, seines raschen Wirtschaftswachstums, hoher Außenhandelsüberschüsse und politisch-strategischer Anreize verfügt China über das mit Abstand größte Potential für ausländische Direktinvestitionen unter den BRIC-Ländern. Unter der Annahme (und dies ist in der Tat nur eine Annahme), dass die chinesischen Unternehmen in gleichem Maße mikroökonomischen Anreizen unterliegen wie Unternehmen aus den anderen BRIC-Ländern, könnten die chinesischen ADI in ein paar Jahren die Summe der ADI aller anderen BRIC-Länder übersteigen. China hat das Potential, im Verlauf der nächsten zehn Jahre einer der weltweit größten Direktinvestoren im Ausland zu werden. Es wird interessant sein zu beobachten, wie die chinesischen Unternehmen auf die sinkenden Unternehmensbewertungen in den Industrieländern und den aufstrebenden Volkswirtschaften sowie auf das verlangsamte Wirtschaftswachstum in ihren Heimatmärkten reagieren.
(ATN/Deutsche Bank Research-Markus Jaeger, 11.02.2009)

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