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BRIC: Die heimlichen Finanzmächte

Die rasch zunehmende Staatsverschuldung der G3-Länder hat nach Ansicht einiger Beobachter den finanziellen Aufstieg der BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China in den Vordergrund gerückt. Während die Regierungen der G3-Länder mit Rekorddefiziten in den öffentlichen Haushalten und einem rapiden Anstieg der Staatsverschuldung zu kämpfen haben, ist die Verschuldung der BRIC-Staaten auch nach der weltweiten Finanzkrise nahezu unverändert und die fiskalpolitische Situation in weiten Teilen langfristig tragbar geblieben. In Brasilien und Indien liegt die Staatsverschuldung in etwa auf dem Niveau der G3-Länder, wohingegen China und Russland deutlich weniger verschuldet sind. Sollte die russische Regierung gezwungen sein, ihre fiskalischen Reserven anzugreifen, könnte die Verschuldung deutlich ansteigen; in China dürfte sie jedoch auf absehbare Zeit auf niedrigem Niveau verharren.

Wie aber stellt sich die Auslandsposition der BRIC-Länder im internationalen Vergleich dar? Neben Japan, Taiwan, Korea und Hong Kong halten die BRIC-Länder die höchsten offiziellen Devisenreserven. Zusammen übersteigen die Devisenreserven der BRIC-Länder die Summe von USD 3 Bill. Dies entspricht einem Drittel der gesamten Weltdevisenreserven. Mit mehr als USD 2,4 Bill. entfällt der Löwenanteil der BRIC-Reserven auf China. Auch hält die chinesische Regierung die meisten US-Staatsanleihen und andere US-Papiere. Dank hoher Leistungsbilanzüberschüsse werden die Devisenreserven Chinas weiter rasch ansteigen - deutlich schneller als die Reserven anderer BRIC-Länder. So kann es nicht überraschen, dass 44 % aller Amerikaner China für die führende internationale Wirtschaftsmacht halten.

Allerdings bildet der alleinige Blick auf die offiziellen Devisenreserven eines Landes seine Auslandsposition nicht vollständig ab. Während Reserven in Schwellenländern häufig den größten Teil der Auslandsforderungen ausmachen, wie zum Beispiel in China und Indien mit einem Anteil von 2/3 oder mehr an den gesamten Auslandsaktiva, belaufen sie sich in Brasilien und Russland auf weniger als 50% der Auslandsforderungen. Bezieht man jedoch auch die Verbindlichkeiten und andere Vermögenswerte mit ein, entsteht ein differenzierteres Bild.

Zum einen können unter Berücksichtigung von Direktinvestionen und Firmenbeteiligungen (equity) lediglich China und Russland positive Nettoauslandsinvestitionen verzeichnen. Erstaunlicherweise liegt China mit Nettoauslandsinvestitionen von USD 1,5 Bill. auf dem zweiten Platz hinter Japan (USD 2,5 Bill.) und rangiert damit noch vor Deutschland (USD 0,9 Bill.). Mit USD 0,25 Bill. verfügt Russland, dessen Nettoposition erst 2008 ein positives Niveau erreichte, nur über geringe Nettoauslandinvestitionen. Sowohl Brasilien als auch Indien verzeichnen dagegen negative Nettoauslandsinvestitionen.

Zweitens sind unter Nichtbeachtung von Direktinvestitionen und Firmenbeteiligungen (equity) die BRIC-Länder Nettoauslandsgläubiger, oder sitzen auf einer vernachlässigbar kleinen Netto-Schuldnerposition (Brasilien). Dies gilt nahezu auch, wenn man die Auslandsforderungen des privaten Sektors aus der Kalkulation herausnimmt, seine Verbindlichkeiten aber mit einbezieht. Im Vergleich zur Situation in den 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre stellt dies eine dramatische Veränderung dar; während dieser Jahre erlebten Brasilien, Indien und Russland aufgrund hoher Nettoauslandsverschuldung Zahlungsbilanz- und/ oder Schuldenkrisen. Ihre deutlich verbesserte Auslandsposition ist ein Grund dafür, dass die BRIC-Länder der globalen Finanzkrise relativ unbeschadet entkommen sind.

Drittens sind die Bruttoauslandsaktiva der BRIC-Länder trotz hoher Devisenreserven im Vergleich zu den meisten Industrienationen gering. So belaufen sich die Auslandsaktiva der USA auf USD 20 Bill.; in Deutschland und Frankreich sind es jeweils USD 6 Bill. Im Vergleich hierzu belaufen sich die Auslandsaktiva Chinas auf USD 3 Bill. und die Russlands auf lediglich USD 1 Bill., während Brasilien und Indien Auslandsforderungen von weniger als USD 0,5 Bill. halten. Auch wenn die Auslandsaktiva der BRIC-Länder rasch wachsen, sind sie im Vergleich zu den Forderungen der entwickelten Volkswirtschaften doch relativ niedrig.

Zweifellos hat sich die Auslandsposition der BRIC-Länder in den letzten beiden Dekaden massiv verbessert. Allerdings sind die Länder mit Ausnahme Chinas nach wie vor nicht als neue "Finanzgrossmächte" zu bezeichnen. Die Stellung als Nettoauslandsgläubiger versetzt die BRIC-Regierungen in die Lage, mittels offizieller Kredite an andere Regierungen (oder Länder) wirtschaftliche, finanzielle und politische Ziele zu verfolgen. Zudem können sie nun auch beispielsweise die Investitionsstrategien ihrer nationalen Unternehmen im Ausland finanziell unterstützen. Dennoch qualifizieren weder der Umfang ihrer Bruttoauslandsaktiva (im Vergleich zu den Industrieländern) noch ihre Nettoauslandsaktiva (zumindest gegenüber Japan und Deutschland) die BRIC-Länder - wiederum mit Ausnahme Chinas - als Finanzgrossmächte.

Auch die derzeitige und zukünftige Entwicklung der Nettoauslandsaktiva deutet in die gleiche Richtung. Chinas Leistungsbilanzüberschuss für 2009 wird zwar - in US-Dollar gerechnet - geringer sein als im Vorjahr, aber noch immer höher als der akkumulierte Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands, Japans, Norwegens und Russlands zusammen. Nach einem Viertel im Jahr 2008 dürfte Chinas Leistungsbilanzüberschuss etwas ein volles Drittel des globalen Nettoaußenbeitrags ausmachen. Sowohl Brasilien als auch Indien verzeichnen nach wie vor Leistungsbilanzdefizite; daran dürfte sich in absehbarer Zukunft auch wenig ändern. Der Nettoaußenbeitrag Russlands hingegen ist nicht nur erheblich geringer als der Chinas, auch seine Tragfähigkeit hängt entscheidend davon ab, dass die internationalen Energiepreise weiter hoch bleiben. Der chinesische Außenbeitrag erscheint - ungeachtet der internationalen Kritik an Pekings Wechselkurspolitik und des Risikos eines neu aufkeimenden Protektionismus - auf mittlere Sicht tragfähiger. Unabhängig von Bewertungsveränderungen dürfte sich Chinas Nettoauslandsposition im Verlauf etwa der nächsten Dekade weiter rasch verbessern.

China entwickelt sich zu einer Wirtschafts- und Finanzsupermacht. Zwar dürfte es noch einige Jahre dauern, bis China Japan als weltweit größten Nettogläubiger überholt. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklung und ohne größere "Unfälle" dürfte China allerdings die USA als größte Volkswirtschaft der Welt bis Mitte des nächsten Jahrzehnts und ? sogar noch früher ? Japan als weltweit größten internationalen Gläubiger abgelöst haben. Zweifelsohne werden die übrigen BRIC-Länder in den kommenden Jahren als internationale Finanzakteure eine wichtigere Rolle spielen. China bleibt jedoch der primus inter pares bis das Land dann etwa im Jahr 2025 zum supremus mundi aufsteigt.
(ATN/Deutsche Bank Research-Markus Jaeger)

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