Wie schon 2008 sind auch im nächsten Jahr laut den Ökonomen der Credit Suisse schwächere globale Wachstumsimpulse aus den USA und Europa zu erwarten. Die aufstrebenden Volkswirtschaften hingegen dürften dank einer starken Binnenwirtschaft, einer veränderten Exportstruktur sowie geld- und
fiskalpolitischem Spielraum wesentlich zum Wachstum der Weltwirtschaft beitragen. Bereits heute kann rund ein Viertel des globalen Wirtschafts-wachstums China zugerechnet werden.
Straffere Kreditbedingungen bleiben ein entscheidendes Wachstumsrisiko
Vor dem Hintergrund einer steigenden Arbeitslosenquote, strafferer Kreditbedingungen und nach wie vor hoher Energiepreise kann der private Konsum in den USA nur unterdurchschnittlich zum Wachstum beitragen. Die Korrektur der Wohnbautätigkeit ist bereits weit fortgeschritten, wenngleich die
US-Häuserpreise angesichts eines hohen Angebotsüberhangs weiterhin unter Druck bleiben.
Größtes Wachstumsrisiko sind nach Einschätzung der Ökonomen der Credit Suisse die realwirtschaftlichen Effekte infolge strafferer Kreditbedingungen. Diese sind vor allem in den USA und Europa zu verzeichnen. Wachstums-stützend für die US-Wirtschaft dürfte sich dagegen auch im nächsten Jahr der
Aussenhandel auswirken.
Die Ökonomen der Credit Suisse gehen jedoch davon aus, dass die US-Wirtschaft sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr unter Potenzial wachsen wird. Auch die Eurozone wurde mittlerweile von der Wachstumsabschwächung erfasst. Zum einen ist eine deutliche Verlangsamung der Exportdynamik zu beobachten, zum anderen zeigt das binnenwirtschaftliche Wachstum eine Abkühlung.
Neben Immobilienmarktproblemen, beispielsweise in Spanien, haben die
hohen Energiepreise zu einem deutlichen Rückgang der Konsumnachfrage geführt. Auch die Investitionsdynamik hat nachgelassen. Die Experten gehen daher von einer Wachstumsabschwächung des realen BIP in der Eurozone von etwa 1.3% in diesem auf unter 1% im nächsten Jahr aus. Da die Inflationsraten auch in der Eurozone ihren Höhepunkt überschritten haben, ergibt sich im Jahresverlauf 2009 auch für die Europäische Zentralbank (EZB) die Möglichkeit, die Zinsen zu senken.
Die erneute Verschärfung der Finanzmarktkrise hat auch die Perspektiven des US-Dollars wieder eingetrübt und birgt sogar die Gefahr einer mittelfristig deutlichen US-Dollar-Abschwächung. Zwar befindet sich der US-Dollar laut den Ökonomen der Credit Suisse in einem langfristigen Bodenbildungsprozess, eine nachhaltige Erholung der amerikanischen Leitwährung erfordert jedoch
deutlich höhere Zinsen.
Schweizer Wirtschaft wächst wieder unter dem Potenzialwachstum
Die Schweizer Wirtschaft erwies sich bisher als ziemlich robust. Bislang hat der Abschwung vornehmlich die Wahrnehmung der Wirtschaftssubjekte negativ beeinflusst und widerspiegelte sich kaum in den Wirtschaftsdaten. Das BIP wird 2008 noch immer um gut 1.9% wachsen, ein für die Schweiz respektabler Wert. Damit dauert die längste Expansionsphase seit Anfang der achtziger Jahre weiter an.
Der internationalen Wachstumsverlangsamung kann sich aber auch die Schweiz nicht entziehen. Im kommenden Jahr wird sich das BIP-Wachstum weiter abschwächen. Die Ökonomen der Credit Suisse erwarten eine Wachstumsrate von 1.0%. Nach fünf Jahren liegt die Entwicklung des BIP damit erstmals unter dem Potenzialwachstum und erfolgt somit ohne Überbeanspruchung der Produktionskapazitäten.
Die Schweizer Wirtschaft befindet sich an einem Scheideweg. Entsprechend hoch sind die Prognoserisiken für das kommende Jahr. Sowohl eine Rezession als auch ein erneuter Boom können aber eindeutig ausgeschlossen werden.
Basiseffekt und schwächeres Wirtschaftswachstum
bremsen die Inflation
Die Inflation erreichte dieses Jahr Werte, wie sie zuletzt vor 15 Jahren gemessen wurden. Massgeblich hierfür waren Teuerungsschübe auf den Rohölmärkten. Ohne neue Rekordpreise wirken diese bis mindestens Mitte 2009 deflationär. Grund ist der Basiseffekt: Da sich Erdölprodukte bis zum Höchstpreis im Juni 2008 fast Monat für Monat verteuert haben, nimmt die Preisdifferenz verglichen mit dem jeweiligen Monat des Vorjahrs ab.
Außerdem lässt der nachfrageseitige Teuerungsdruck infolge der kon-junkturellen Abschwächung nach. Auch die personellen und technischen Engpässe werden durch die sich abschwächende Nachfrage verringert. Somit sinkt die Gefahr, dass Kostensteigerungen überwälzt werden. Solche "Zweitrundeneffekte" würden die Inflation zusätzlich anheizen. Vor diesem Hintergrund erwarten die Ökonomen der Credit Suisse für 2008 eine Teuerungsrate von 2.2%, welche im Jahr 2009 auf 1.4% sinken dürfte.
Wenngleich in der nahen Zukunft nicht mit einem Zinsschritt der Schwei-zerischen Nationalbank (SNB) zu rechnen ist, dürften die konjunkturelle Abkühlung und die mittelfristig intakten Inflationsperspektiven auch für die SNB Zinssenkungsspielraum eröffnen.
Weshalb wächst das "Bankenland" Schweiz
trotz der Finanzmarktturbulenzen?
Die Schweiz weist eine starke Auslandabhängigkeit und einen der höchsten Beiträge des Finanzsektors an das BIP von über 10% auf. Trotz der Finanz-marktkrise und der weltweiten Turbulenzen wächst jedoch das BIP der Schweiz. Eine vertiefte Analyse zeigt, dass sowohl konjunkturelle als auch strukturelle
Gründe dafür verantwortlich sind: Die Finanzkrise und die Wachstums-abschwächung in den wichtigen Exportmärkten Europa und USA trafen die Schweiz in einer Phase der konjunkturellen Stärke.
Diese widerspiegelte sich in vollen Auftragsbüchern, gesunden Bilanzen, verhältnismässig hohen Löhnen und kauffreudigen Konsumenten. Zu den strukturellen Gründen zählt erstens der Umstand, dass sich der schweizerische Kreditmarkt in solider Verfassung befindet ? die Lehren der 90er Jahre wurden gezogen.
Zweitens führte der Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik zu einem grösseren Wachstumspotenzial, indem die Personalknappheit gelindert wurde und die Zahl der Konsumenten zunahm.
Schweizer Privatkonsum als Stütze des Wachstums
Der Arbeitsmarkt reagiert in der Regel verzögert auf Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die Beschäftigung wird deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit noch mindestens bis Mitte 2009 weiter zunehmen, wenn auch in gedrosseltem Tempo. Da der private Konsum stark durch die
Arbeitsmarktsituation beeinflusst wird, dürfte er 2009 eine Wachstumsstütze bleiben, jedoch mit nachlassender Tragkraft.
Eine willkommene Unterstützung erhält der private Konsum durch die
Einwanderung. Erstens nimmt dadurch die Einwohnerzahl und somit die Anzahl Konsumenten zu. Die Ökonomen der Credit Suisse gehen davon aus, dass sich dieses Jahr netto rund 100.000 und 2009 knapp 60.000 Ausländer neu in der Schweiz niederließen beziehungsweise niederlassen werden.
Zweitens sind die Einwanderer zu einem großen Teil gut qualifiziert und entsprechend kaufkräftig. Die Ökonomen der Credit Suisse prognostizieren für das Jahr 2009 einen Anstieg der durchschnittlichen volkswirtschaftlichen Lohn- und Gehaltssumme - einschliesslich Beschäftigungszunahme und
Sonderleistungen - von 2,4%.
Da sich der Teuerungsschub im kommenden Jahr abschwächen sollte
und die Steuerbelastung weiter sinken wird (Kinderabzüge, Flat-Rate, Doppelbesteuerung), dürfte trotz steigender Krankenkassenprämien (rund 4%) für viele Haushalte ein realer Kaufkraftgewinn resultieren.
Trotz nachlassender Dynamik intakte
Perspektiven der Schweizer Exportwirtschaft
Der Export war der Grundstein des Schweizer Wirtschaftsaufschwungs vor vier Jahren. Aufgrund der konjunkturellen Abkühlung in den Hauptabnehmerländern (Eurozone, USA) büßt die Außenhandelsaktivität hierzulande zwar an Dynamik ein. Der Aussenhandel sollte jedoch aus zwei Gründen weiterhin konjunkturanregend bleiben: Erstens wurde das Portfolio der Abnehmerländer von Schweizer Produkten erfolgreich diversifiziert, wodurch die Abhängigkeit von einzelnen Ländern abnahm.
Bereits heute gehen rund 5% der Warenausfuhren in die aufstrebenden Volkswirtschaften, namentlich nach China. Zweitens profitieren einige Branchen von hohen Ölpreisen - sei es als Zulieferer für den Energiesektor oder als Recycler von Petrodollars. Die Ökonomen der Credit Suisse veranschlagen das
Exportwachstum für 2008 auf 3.4% und für 2009 auf 1.5%. Die mittelfristigen Perspektiven bleiben intakt.
Deutlicher Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen
Die Ausrüstungsinvestitionen sind diejenige BIP-Komponente, die am wenigsten wächst. Zum einen reagieren die Investitionen rasch auf unsichere Ertragsaussichten der Unternehmen. Zum anderen sind die Produktions-kapazitäten in den vergangen Jahren stark ausgebaut worden. Zahlreiche Investitionsgüter sind dadurch auf dem neusten Stand, was die Nachfrage nach Ersatzinvestitionen dämpft.
Stimulierend wirken dagegen die im historischen Vergleich tiefen Zinsen. Außerdem sind die Bilanzen der Unternehmen nach Jahren der Hochkonjunktur solide, was die Finanzierung erleichtert. Die Ökonomen der Credit Suisse prognostizieren für 2008 ein Wachstum der Ausrüstungsinvestitionen von 2.5%. Im kommenden Jahr dürfte das Investitionsvolumen hingegen um 1.5% abnehmen.
(ATN/Credit Suisse-Unternehmensinformationen, 30.09.2008)