Die Themen der Zukunft
Europas Bankkunden sind zufrieden
Im Januar 2009 hat die EU-Kommission eine Verbraucherbefragung veröffentlicht. Europäische Konsumenten wurden danach befragt, wie sie die Möglichkeit einschätzen, bei ausgewählten Dienstleistungen den Anbieter zu wechseln. Die untersuchten Branchen waren Retailbanking, Versicherungen, Energieversorgung und Telekommunikation. Die Sektoren wurden zusätzlich in Produktgruppen gegliedert. Im Falle des Retailbanking handelt es sich dabei um Girokonten, Spar- und Investmentprodukte, Hypothekenkredite sowie sonstige Kredite mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr.
Die Absicht der EU-Kommission, das Konsumentenverhalten besser zu verstehen, ist zu begrüßen. Im konkreten Fall sei allerdings davor gewarnt, aus den Umfrageergebnissen voreilige Schlüsse zu ziehen. Zunächst stellt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit der betrachteten Branchen. Das gilt zum Beispiel für Dienstleistungen wie den Zugang zum Internet auf der einen und Hypothekenkredite auf der anderen Seite. Ein Vertrag über einen Internetzugang setzt ein anderes Vertrauensverhältnis zwischen Verbraucher und Anbieter voraus als ein langjähriges Darlehen. Letzteres ist ein komplexes Produkt, bei dem neben der Frage der theoretischen Möglichkeit auch die der praktischen Ratsamkeit eines Anbieterwechsels innerhalb der Laufzeit des Vertrages beantwortet werden muss. Umfrageergebnisse, denen zufolge es den Verbrauchern leichter fällt, ihren Telekom-Anbieter zu wechseln als ihre Bank, sind daher nachvollziehbar, im Hinblick auf mögliche Politikempfehlungen jedoch von geringer Aussagekraft.
Auch die Argumentation mit EU-Durchschnittswerten hilft nur begrenzt weiter. Auf der einen Seite unterscheiden sich die Mitgliedstaaten in ihrem ökonomischen Entwicklungsstand. In den mittelosteuropäischen Beitrittsstaaten beispielsweise werden Bankprodukte wie Girokonten oder Hypothekenkredite oftmals nur von einem relativ kleinen Teil der Bevölkerung genutzt. Der Kreis der Befragten setzt sich dort daher (zum Beispiel hinsichtlich Alter und Qualifikation) grundsätzlich anders zusammen als in Ländern, in denen bestimmte Produkte von nahezu der gesamten Bevölkerung in Anspruch genommen werden. Das kann dazu führen, dass die Einschätzung der Situation auf den mittelosteuropäischen Retailbankingmärkten strukturell von derjenigen in der "alten" EU abweicht. Auf der anderen Seite kann der Umgang mit Bankprodukten und die Natur des Beziehung zwischen Kunde und Bank aber auch in Ländern mit gleichem Wohlstand unterschiedlich sein. Eine getrennte Betrachtung der Ergebnisse in den 27 EU-Staaten ist deshalb dringend geboten.
Über solche grundsätzlichen Bedenken hinaus bringt ein genauerer Blick auf die einzelnen Zahlen neue Erkenntnisse, die bei der Ableitung von Politikempfehlungen berücksichtigt werden müssen. Dabei fällt zunächst auf, dass über die betrachteten Segmente des Retailbanking hinweg eine überwiegende Mehrzahl der Kunden - etwa drei Viertel - überhaupt kein Interesse an einem Anbieterwechsel hat, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis als ausgesprochen gut empfunden wird. Von denen, die in den vergangenen beiden Jahren tatsächlich gewechselt haben, ist wiederum eine sehr große Mehrheit der Meinung, der Wechsel sei einfach gewesen. Unmittelbarer regulatorischer Handlungsbedarf scheint demnach nicht gegeben.
Die Einschätzung der Preisentwicklung durch die Befragten zeigt zudem, dass die innerhalb der Branchen untersuchten Produktgruppen methodisch nicht über einen Kamm geschoren werden dürfen. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Mehr als ein Viertel der Hypothekarkreditnehmer in der Europäischen Union berichten von Preissteigerungen (also höheren Zinsen) in den vergangenen zwölf Monaten. An der Spitze steht hier Spanien: Zwei Drittel der Spanier mussten Preissteigerungen hinnehmen. In Deutschland dagegen sieht die Situation ganz anders aus: Zwei Drittel der deutschen Kunden geben an, die Preise seien stabil geblieben. Des Rätsels Lösung ist: Kurzfristige Schwankungen der Kapitalmarktzinsen schlagen sich in vielen Fällen in den Baufinanzierungszinsen nieder, weil viele Kredite variabel verzinst sind. Dass die Zinsen für die spanischen Kunden gestiegen sind, liegt also daran, dass dort variabel verzinste Hypotheken vorherrschen und das Zinsniveau bis zum Sommer 2008, der Zeit vor der Umfrage, zugelegt hat. Umgekehrt ist die "Preisstabilität" in Deutschland ebenso wenig verwunderlich, weil Hypothekenkredite hier überwiegend eine längerfristige Zinsbindung aufweisen.
Für die Beurteilung des Eurobarometers ist somit entscheidend, wofür die EU-Kommission sie verwenden wird. Die Studie ist ein gutes Instrument, um einen Eindruck von den Einschätzungen der Verbraucher zu erhalten, und liefert wertvolle Einblicke in die 27 EU-Retailbankingmärkte. Als Ausgangspunkt für regulatorische Schritte eignet sie sich jedoch nur dann, wenn grundlegende Unterschiede zwischen nationalen Eigenheiten einerseits und den besonderen Charakteristika von Bankprodukten andererseits nicht übergangen werden.
(ATN/Deutsche Bank Research-Stefan Schäfer/Martha Amojo, 16.02.2009)