Anzeige

Die Themen der Zukunft

Einfluss gewerkschaftlich organisierter Bundestagsmitglieder

Werden gewerkschaftlich organisierte Politiker in Parlamente gewählt, so geraten sie in einen Rollenkonflikt. Einerseits sind sie in ihrer Rolle als Gewerkschaftsmitglied Lobbyist der organisierten Arbeitnehmerschaft, andererseits sind sie als gewählte Volksvertreter unabhängiger Anwalt aller Bürger und hierbei nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet.

Eine jüngst publizierte Studie von Hönigsberger (2008) kommt zu dem Schluss, dass die gewerkschaftlich organisierten Parlamentarier in der Bundesrepublik Deutschland keinesfalls als "parlamentarischer Arm" der Gewerkschaften gesehen werden können. Diese Schlussfolgerung steht jedoch in Widerspruch zu den jüngsten Ergebnissen einer HWWI-Studie.

Normalerweise haben Gewerkschaften in der neoklassischen Ökonomik schlechte Karten, weil sie als Lehrbuchfall eines Monopols den Preis der Arbeit über das markträumende Niveau treiben und negative Effekte auf Produktivität, Effizienz und Mobilität ausüben. Revolutionär war daher die ganz unterschiedliche Perspektive, die Freeman und Medoff (1984) einnahmen: Sie sahen Gewerkschaften als "social institutions", welche die "collective voice" im Sinne Hirschmans (1970) repräsentieren. Eine solche Sicht mußte zwangsläufig zu einem positiveren Bild der Gewerkschaften führen, das sich auch 20 Jahre später in den Beiträgen zu einem diesem Buch gewidmeten Symposium weitgehend bestätigte. Vor allem aber bestätigte sich, dass zumindest in den USA gewerkschaftliche Vertretung im Parlament und Lobbying gegenüber der Regierung im Sinne einer Stärkung der Gewerkschaftsmacht als special interest group nicht erfolgreich waren.

Hier setzte Hönigsberger (2008) in seiner Studie an und untersuchte für den Bundestag quantitativ, ob die Gewerkschafter im Parlament jemals die Stimmenmacht gehabt haben, Gewerkschaft- zu Regierungspositionen werden zu lassen, und qualitativ in Interviews, wie sich dieser Rollenkonflikt aus der Sicht der Abgeordneten gelöst hat. Die Antwort scheint eindeutig und entspricht der Verfassungslage: Auch gewerkschaftlich organisierte Abgeordnete fühlen sich in erster Linie dem Volk und den Wählern verantwortlich.

Nun gibt es aber einen gravierenden Unterschied zwischen Selbstbildern und faktischem Verhalten, der eine empirische Analyse des HWWI der Fragestellung nahe legt. Hierzu wurden die drei zentralen makroökonomischen Zielgrößen des realen Wirtschaftswachstums, der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate auf ihre eigenen vergangenen Ausprägungen sowie die aller übrigen endogenen Variablen in einem vektorautoregressiven Schätzansatz regressiert. Neben einer Dummyvaria-blen, die für den Strukturbruch der Deutschen Wiedervereinigung kontrolliert, wurde zusätzlich eine Variable in die Regression aufgenommen, die den Prozentsatz der Gewerkschaftsmitglieder unter den Bundestagsabgeordneten misst und die auf der Basis von Dokumentationen über die Zusammensetzung des Bundestages eigens konstruiert wurde. Nachdem die Analyse zeigte, dass der prozentuale Anteil der gewerkschaftlich organisierten Mitglieder des Deutschen Bundestages nicht selbst von den übrigen makroökonomischen Größen abhängt, wurde die Varia-ble als exogene Variable in der Vektorautoregression berücksichtigt.

Im Ergebnis zeigt sich, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Bundestagsmitglieder keinen signifikanten Einfluss auf die Höhe der Arbeitslosenquote hat; ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad geht also nicht mit systematisch niedrigeren Arbeitslosenquoten einher. Dies bedeutet aber keineswegs, dass gewerkschaftlich organisierte Abgeordnete nicht versuchen könnten, eine arbeitnehmerfreundliche Politik zu betreiben. Vielmehr wäre es durchaus möglich, dass sie im Sinne der Insider-Outsider-Theorie vorrangig an den Interessen der bereits Beschäftigten (und gewerkschaftlich organisierten) interessiert und deren Löhne hoch zu halten bemüht sind. Genau für diese Interpretation spricht, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Bundestagsmitglieder mit systematisch höheren Inflationsraten und niedrigeren Raten des realen Wirtschaftswachstums einhergeht. Offenbar funktioniert die parteiübergreifende Lobby der Gewerkschafter doch besser, als es nach der Studie von Hönigsberger den Anschein hat.
(ATN/HWWI-Unternehmensinformationen)

Nächster Artikel aus Aktuell Bundesnetzagentur will 2010 neue Kontrollen einführen

Vorheriger Artikel aus Aktuell Börsen-Insider mit positiver Stimmung