Die Themen der Zukunft
Tunesien trotzt der Finanzkrise
"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" (Im Übrigen meine ich, Karthago muss zerstört werden) - mit diesem berühmten Ausspruch beendete Cato d. Ä. alle seine Senatsreden um auf die Bedrohung durch die nordafrikanische Republik Karthago aufmerksam machen. In Erfüllung gehen sollte sein Wunsch schließlich im 3. punischen Krieg. Mehr als 2000 Jahre später muss sich Tunesien, Karthagos territorialer Nachfolger, zwar nicht kriegerischen, dafür umso größeren wirtschaftlichen Herausforderungen stellen. Obwohl tunesische Banken aufgrund ihrer geringen Verflechtung mit den internationalen Kapitalmärkten nicht direkt von der Finanzkrise betroffen sind, so sind die indirekten Auswirkungen nicht zu vernachlässigen. Gedämpft durch die Rezession in Frankreich und Italien, den wichtigsten Exportdestinationen, wird das Wachstum in diesem Jahr auf unter 3% gg. Vj. sinken. Vor allem die Textil-, und Automobilzulieferindustrie, aber auch die Tourismusbranche werden einen starken Wachstumseinbruch erleben, während vom Landwirtschaftssektor bei guter Ernte durchaus positive Impulse ausgehen könnten. Die Regierung wird der Wachstumsschwäche zwar mit höheren Staatsausgaben entgegensteuern, allerdings verlangsamt dies den Abbau der hohen Staatsschulden von rund 50% des BIP. Zudem belasten niedrigere Exporte die ohnehin schon negative Leistungsbilanz. Die Finanzierung dieses Defizits sollte aber
weiterhin nicht in Gefahr sein. Zum einen hat Tunesien ein komfortables Polster an internationalen Währungsreserven und zum anderen sind Tunesiens Auslandsgläubiger größtenteils bi- und multilaterale Geldgeber, die nicht kurzfristig ihre Mittel abziehen. So wird die globale Finanzkrise sicher nicht spurlos an Tunesien vorübergehen, von einer Wirtschafts- oder Bankenkrise sollte es aber verschont bleiben.
Handelsliberalisierung beschleunigt Strukturwandel
Die Handelsliberalisierung der letzten Jahre hat entscheidend dazu beigetragen, dass Tunesiens Wirtschaft zunehmend auf mehreren Standbeinen steht. Als erster südlicher Mittelmeeranrainerstaat schloss Tunesien 1995 ein Freihandelsabkommen mit der EU und kam somit in den Genuss eines zollfreien Zugangs zu den EU-Märkten. Zwölf Jahre später hat nun Tunesien auch seinerseits die Zollschranken vollständig abgebaut und somit wurde Freihandel für Industrieprodukte mit der EU Anfang 2008 Realität. Tunesiens Handelsliberalisierung verlief jedoch nicht ohne schmerzvolle Anpassungsprozesse. Nach dem Auslaufen des Welttextilabkommen im Jahr 2004 kämpfte die Textilindustrie zwei Jahre lang mit stagnierenden Exporten. Um der Konkurrenz billigerer Importprodukte auch in Zukunft stand zu halten, bleibt der tunesischen Industrie nur die Flucht nach vorn, in höhere Segmente der Wertschöpfungskette (wie z.B. Textildesign) und andere Industriezweige. So hat sich Tunesien zunehmend als Off-Shoring Standort für die Produktion elektromechanischer Güter, insbesondere für die Automobilindustrie, spezialisiert. Dieser Strukturwandel spiegelt sich schon in der Rangfolge der wichtigsten Exportgüter wider. Textilien liegen mit einem Anteil von 23% aller Exporte zwar noch an erster Stelle, elektromechanische Güter schließen aber mit rund 20% schon dicht auf.
Diversifizierteste Wirtschaft der Region
Der Tourismus-, der Hydrokarbonsektor und die chemische Industrie und sind weitere wichtige Wirtschaftszweige Tunesiens. Ersterer leidet allerdings unter dem schwachen Wachstum der Besucherzahlen und dem Image Tunesiens als Billigdestination. Mit Hilfe staatlicher Förderung und Modernisierungsmaßnahmen wird nun schrittweise das Qualitätsniveau angehoben und die Abkehr vom reinen Pauschaltourismus vollzogen. Im Gegensatz seinen direkten Nachbarn, Algerien und Libyen, sind die Rohstoffvorkommen Tunesiens begrenzt. Aufgrund schwindender Ölreserven kann Tunesiens Öl- und Gassektor gerade noch den Eigenbedarf abdecken. Die chemische Industrie, die sich hauptsächlich mit der Verwertung der Phosphatvorkommen beschäftigt, erhält durch den Bau einer neuen Anlage zur Herstellung von Phosphatsäure durch die staatliche Groupe Chimique Tunisienne neuen Aufwind.
Bankensystem leidet unter Altlasten
Mit seinen rund 20 Geschäftsbanken ist der tunesische Bankensektor relativ stark fragmentiert. Trotz jüngster Privatisierungen sind von den fünf größten Banken drei in staatlicher Hand und haben Staatsbanken insgesamt immer noch einen Marktanteil von 40%. Die Altlasten staatlich gelenkter Kreditvergabe im Tourismussektor und in der Landwirtschaft sind immer noch sichtbar: Ende 2007 belief sich der Anteil fauler Kredite an den gesamten ausstehenden Krediten auf rund 17%. Aufgrund der oben erwähnten strukturellen Schwächen blieb ein Kreditboom, wie ihn viele andere Schwellenländer in den vergangenen Jahren erlebt haben, aus. Die Banken profitieren nun davon, dass das geringe Kreditwachstum durch heimische Einlagen finanziert wurde, denn so sind sie nicht zwingend auf ausländische Kreditgeber angewiesen.
Ständiger Kapitalbedarf des Staates
Im bankdominierten Finanzsystem spielen die Kapitalmärkte eine nur untergeordnete Rolle. Mit einem Anteil an der Marktkapitalisierung von über 70% dominieren Finanztitel den tunesischen Aktienmarkt. Aufgrund mangelnder Größe und Liquidität wird der tunesische Aktienmarkt in den Augen internationaler Fondsmanager auf absehbare Zeit ein Nischenmarkt bleiben. Die Anleihemärkte sind hingegen relativ gut entwickelt, da der tunesische Staat zur Finanzierung seines chronischen Fiskaldefizits auf Mittelaufnahme am Kapitalmarkt angewiesen ist. Seit 1995 hat Tunesien ein Investment-Grade-Rating und war für lange Zeit das einzige nordafrikanische Land mit Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Seine bislang makellose Schuldendiensthistorie sollte diesen Zugang auch weiterhin sichern.
Vorbilder Osteuropa und Türkei
Die Vorbilder Osteuropa und die Türkei fest im Blick, ist Tunesien bestrebt, seine Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen noch weiter zu steigern. Tunesien punktet jetzt schon mit der geographische Nähe zu den Absatzmärkten in Europa, dem hohen Ausbildungsniveau, den niedrigen Lohnkosten, Steuervorteilen und einer relativ guten Infrastruktur. In den letzten fünf Jahren flossen ausländische Direktinvestitionen in Höhe von sechs Milliarden Euro nach Tunesien. Mit Ausnahme des Landwirtschaftssektors und "strategischen" Sektoren (wie z.B. Elektrizität-, Gas- und Ölsektor) unterliegen ausländische Direktinvestitionen keinen Beschränkungen, wobei exportorientierte Projekte besonders willkommen sind. Das endgültige Ergebnis der Ausschreibung eines neuen Tiefseehafens wird Aufschluss darüber geben, ob ausländische Investoren im Zuge der Finanzkrise zurückhaltender mit Investitionen in Tunesien geworden sind.
(ATN/Deutsche Bank Research-Marion Mühlberger, 25.02.2009)